Millionen Menschen sammeln über openPetition Unterschriften für Ihr Anliegen. Was fehlt, ist nicht die Reichweite, sondern die Anerkennung: Digitale Unterschriften gelten in vielen Verfahren nicht als formell belastbare Unterstützung. Die EUDI-Wallet, der digitale Personalausweis auf dem Smartphone, kann das ändern. Am 25. Juni 2026 hat Hannah von openPetition auf der Konferenz EUDI ON in Berlin vorgestellt, wie das konkret aussehen kann.
Neunmal mehr Beteiligung als beim Bundestag
openPetition ist seit 2010 ein fester Bestandteil für zivilgesellschaftliche Beteiligung. Bürgerinnen und Bürger nutzen die Plattform, um auf Anliegen aufmerksam zu machen, Mitstreitende zu gewinnen und öffentlichen Druck aufzubauen. Das funktioniert generationenübergreifend – auch ältere Menschen unterschreiben heute selbstverständlich online.
Die Zahlen zeigen, wie niedrigschwellig NGOs den Zugang zu Beteiligung machen: Im Jahr 2025 kamen über openPetition in Deutschland 4,6 Millionen Unterschriften zusammen. Das ist etwa das Neunfache der Unterstützungen, die im selben Zeitraum beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages eingingen.
Das Problem: Reichweite ist nicht gleich Anerkennung
Doch wo für eine Petition Unterschriften gesammelt werden, macht einen Unterschied. Manche Verwaltungen und Parlamente erkennen digitale Unterschriften nicht automatisch als formell belastbare Unterstützung an.
Denn manche stellen die Frage: Kann man Unterschriften auf openPetition trauen? Auch wenn wir z.B. die gleichen Daten wie der Petitionsausschuss des Bundestages abfragen, vertraut die Institution doch nur sich selbst. Heißt: Um eine öffentliche Anhörung zu bekommen, müssen Petitionsunterschriften auf der Webseite des Bundestages gesammelt werden – und nicht auf zivilgesellschaftlichen Plattformen. Zukünftig könnte sich das jedoch ändern.
Mit der EUDI-Wallet zur verifizierten Unterschriften
Die EUDI-Wallet (European Digital Identity Wallet) ist eine App, die nach EU-Recht in allen Mitgliedstaaten eingeführt wird. In Deutschland heißt sie d-you. Darin lässt sich eine staatlich ausgestellte digitale Identität speichern, die sogenannte PID (Person Identification Data). Vereinfacht gesagt: der Personalausweis auf dem Smartphone.
Mit der PID können Menschen gegenüber Organisationen nachweisen, wer sie sind. Bevor Daten übermittelt werden, zeigt die Wallet an, wer die Daten anfragt und welche Daten genau gemeint sind. Erst wenn die Person aktiv zustimmt, werden sie freigegeben.
Die empfangende Stelle, im Fachjargon “Relying Party” genannt, kann anschließend kryptografisch prüfen, ob die Angaben echt, unverändert und gültig sind. So wird bei einer Unterschrift nachvollziehbar: Dahinter steht ein echter und eindeutig identifizierbarer Mensch.
2027: Petitionen mit der EUDI-Wallet unterschreiben
Für Menschen, die eine Petition unterstützen möchten, bleibt der Weg kurz. Geplant ist folgender Ablauf:
- Die PID wird einmalig in die EUDI-Wallet geladen. Danach ist der digitale Personalausweis dauerhaft auf dem Smartphone verfügbar.
- Beim Unterschreiben einer Petition erscheint auf openPetition die Option „Mit EUDI-Wallet unterschreiben“.
- openPetition fragt die für die Unterschrift nötigen Daten an: Name und Adresse.
- Die Wallet öffnet sich und wird per PIN oder Biometrie entsperrt, etwa mit Face ID.
- Die Wallet zeigt an, dass openPetition anfragt und welche Daten übermittelt werden sollen.
- Die Person stimmt der Freigabe bewusst zu.
- openPetition prüft den kryptografisch gesicherten Nachweis und nimmt die verifizierte Unterschrift entgegen.
Mehr Daten als für die Unterschrift nötig werden nicht angefragt. Und wer die Wallet nicht nutzen möchte, kann weiterhin wie bisher unterschreiben.
Warum das für die Demokratie wichtig ist
Zivilgesellschaftliche Plattformen sind heute vor allem Werkzeuge zur Mobilisierung. Sie machen Anliegen sichtbar, aber der formale Weg in die Institutionen führt meist noch über Papierlisten, Unterschriftenbögen und Behördengänge. Diese Hürde hält viele Menschen davon ab, sich einzubringen.
Verifizierte Identitäten können diese Lücke schließen. Wenn nachweisbar ist, dass hinter jeder Unterschrift eine reale Person steht, wird digitale Unterstützung institutionell anschlussfähiger – bei Petitionen an Bundestag und Landtage, bei Bürgerbegehren und Volksinitiativen und perspektivisch auch bei europaweiten Verfahren wie der Europäischen Bürgerinitiative. Was Menschen online unterstützen, kann dann dort ankommen, wo Entscheidungen getroffen werden.
Ausblick: Bald auch Volksabstimmungen mit der EUDI-Wallet?
Die PID aus der EUDI-Wallet kann künftig nicht nur beim Unterzeichnen von Petitionen eine Rolle spielen. Auch für opn.vote, eine Abstimmungssoftware für digitale Wahlen und Volksabstimmungen, eröffnet sie eine wichtige Perspektive: Vor der Stimmabgabe könnten sich Nutzerinnen und Nutzer mit ihrer EUDI-Wallet verifizieren. So kann opn.vote prüfen, dass eine Stimme von einer echten, eindeutig identifizierbaren Person abgegeben wird.
Damit können digitale Abstimmungen verlässlicher werden, ohne unnötig viele persönliche Daten abzufragen. Die Wallet zeigt transparent, welche Angaben für die Verifizierung benötigt werden, und die Person stimmt ihrer Weitergabe aktiv zu. Für Abstimmungen bedeutet das: Jede Stimme kann stärker als bisher mit einer überprüfbaren Identität verbunden werden. Das schafft Vertrauen in digitale Beteiligung und ist ein weiterer Schritt hin zu Abstimmungen, deren Ergebnis nicht nur sichtbar, sondern auch nachvollziehbar und glaubwürdig ist.