Region: Germany
Media

Live-Kunst statt Retorte: Programmlücken im öffentlich-rechtlichen TV mit Kultur füllen!

Petition is directed to
Prof. Monika Grütters (Staatsministerin, Beauftragte für Kultur und Medien), Tom Buhrow (Vorsitzender der ARD), Dr. Thomas Bellut (Intendant ZDF)
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Corona schließt unsere Bühnen. Kultur liegt auf unbestimmte Zeit brach. Künstler_innen und Kulturschaffende, wir als Publikum und unsere Gesellschaft werden dadurch nachhaltig Schaden nehmen.

Fernsehen ist auch eine Bühne und funktioniert trotz Corona. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat einen Auftrag zur Förderung nationaler Künstler und verfügt bis ins nächste Jahr hinein über "große Lücken im Programm“, wie ARD-Programmdirektor Volker Herres am Sonntag, 26.4. der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte. Allein durch die Absage der Fußball-EM und der Olympischen Spiele entfallen 220 Stunden Programm.[1]

Sehr geehrte Frau Prof. Grütters,

sehr geehrter Herr Buhrow,

sehr geehrter Herr Dr. Bellut,

schaffen wir anstelle von Retorte ein kulturelles Sommermärchen 2020!

Wir fordern, dass von den Corona-bedingt frei gewordenen Programmstunden aller öffentlich-rechtlichen Sender mindestens 30% für aktuelle Kunst- und Kultur verwendet werden. Und zwar in den Hauptkanälen, nicht nur in den Nischensendern ARTE und 3SAT oder digitalen Mediatheken wie ZDFkultur und ARTE Concert. Im Herzen des Programms, nicht zu Randzeiten:

  • Mind. 1 Stunde täglich im Ersten oder ZDF, wochentags zwischen 18-23 Uhr, am Wochenende alternativ auch tagsüber
  • Mind. 1 Stunde täglich zwischen 18-23 Uhr in regionalen Sendern, zur spezifischen Unterstützung von Künstlern und Ensembles aus der Region

Inhalt der Sendezeit kann sowohl hochwertiges bestehendes Material sein (Mitschnitte von Konzerten und Auftritten, bereits produzierte Videos) als auch Studioauftritte, Live-Übertragungen aus Veranstaltungshäusern sowie Einbindung in bestehende Fernsehformate – natürlich in Einklang mit den aktuellen Kontaktregelungen.

Diese mediale Bühne muss insbesondere denen gelten, die von den Einschränkungen besonders betroffen sind: freischaffende darstellende Künstler_innen. Musiker_innen aller Genres, Theaterschauspieler_innen und Tänzer_innen unabhängiger Bühnen, Stand-Up Comedians, Poetry-Slammer, Rapper, Hip-Hopper, Singer-Songwriter und viele mehr – denn sie brauchen zum Leben eine Bühne. Besonders wichtig ist dabei, nicht nur die etablierte „Hochkultur“ der großen Häuser und die großen Namen der Szene zu zeigen, sondern auch verstärkt den Nachwuchs der nationalen Pop- und Subkultur zu fördern.

Die Wege in der Kulturbranche sind in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden. Mit dem Wegfall von Outlets wie Viva und MTV sowie Formaten wie z.B. dem Quatsch Comedy Club, TV Noir wandert die mediale Fläche für Kultur immer weiter ins Netz. Trotz unbestreitbarer Vorteile und Möglichkeiten von Streamingdiensten wie Youtube, Spotify, Netflix u.v.a – die gerade in den vergangenen Wochen besonders offensichtlich geworden sind – wandert die Hoheit über den Aufbau neuer Künstler_innen so immer weiter in die Hände des Privatsektors.

Es ist höchste Zeit, den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zur Künstlerförderung wieder ernst zu nehmen! Schon vor Corona. Aber seit Corona umso mehr!

Reason

Der kulturelle Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist u.a. im Rundfunkstaatsvertrag (RStV) rechtlich verankert. § 11 Abs. 1 RStV verpflichtet sie ausdrücklich, „Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten“.[1]

Dies umfasst sowohl die Berichterstattung über kulturelle Ereignisse als auch ein Mandat zu Kulturträgerschaft, d.h. kulturelle Ereignisse selbst zu schaffen. Dabei muss die gesamte Bandbreite der kulturellen Vielfalt widergespiegelt werden.[2]

Laut den letzten Zahlen des Kölner Instituts für empirische Medienforschung (IFEM) für 2016-2018 besteht das Inhaltsprofil des Ersten zu 2,4-2,8% aus „Kultur & Religion“, das des ZDF zu 2,7-2,8% (insgesamt wie auch zur Hauptsendezeit von 19-23 Uhr). Zum Vergleich: Sport umfasste zuletzt 8,4% (Erste)/6,9% (ZDF), Alltag/Soziales 6,8%(Erste)/15,0%(ZDF), fiktionale Sendungen 35,4% (Erste)/36,4% (ZDF) und davon allein Krimis/Thriller 10,8% (Erste)/24,2% (ZDF).[3]

Wie von der Bundesregierung in Aussicht gestellt, werden wir noch über längere Zeit mit Einschränkungen des öffentlichen Lebens zurechtkommen müssen. Wann Bühnen wieder öffnen dürfen ist so mit einem noch größeren Fragezeichen versehen. Die bisher entstandenen Formate der öffentlich-rechtlichen Sender zu „Kultur in Zeiten von Corona“ verfolgen weiterhin einen sehr eingeschränken Ausschnitt dessen, was unsere Kulturlandschaft zu bieten hat. Ein Großteil dessen ist zudem nur in der Mediathek verfügbar.

Fernsehsender verfügen über die Plattformen, die professionelle Technik und die Reichweite, um darstellende Kunst in hoher Qualität einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Und das Publikum, das bis vor kurzem noch die Theater, Konzertsäle, Opernhäuser, Galerien, Kleinkunstbühnen, Musikbars und Clubs füllte, sehnt sich nun nach Kultur in den eigenen vier Wänden. So wie sich alle Kulturschaffenden danach sehnen, für ihr Publikum spielen zu dürfen.

Gibt es für ein kulturelles Sommermärchen einen besseren Zeitpunkt?

Quellen:

[1] Neue Osnabrücker Zeitung, „ARD-Programmdirektor Herres: Wegen Corona-Krise "große Lücken" im TV-Programm“, 26. April 2020 https://www.presseportal.de/pm/58964/4581105

[2] die medienanstalten, „Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien (Rundfunkstaatsvertrag – RStV), in der Fassung vom 22. Rundfunkänderungsstaats-vertrag, in Kraft seit 1. Mai 2019.(https://www.die-medienanstalten.de/fileadmin/user_upload/Rechtsgrundlagen/Gesetze_Staatsvertraege/Rundfunkstaatsvertrag_RStV.pdf)

[3] Wissenschaftliche Dienste des deutschen Bundetages, „Der Kultur- und Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkanstalten“, Ausarbeitung WD 10-051/06.

[4] Krüger, Udo Michael, „Profile deutscher Fernsehprogramme 2018 – Tendenzen der Angebotsentwicklung zur Gesamt- und Hauptsendezeit“. In: Media Perspektiven 4/2019, Hrsg. Institut für empirische Medienforschung (IFEM), Köln. (https://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2019/0419_Krueger_2019-05-09.pdf

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Die Übertragung des Europakonzerts aus der Berliner Philharmonie im Ersten hat gezeigt: auch zu Corona-Zeiten gibt es Wege und Möglichkeiten für Live-Übertragungen ins Fernsehen. Es hat gezeigt: Übertragungsqualität und Live-Erlebnis sind doch etwas Anderes als im Stream.

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