Volksvertreter Jürgen Meereis

Stellungnahme zur Petition Erhalt statt Abriss, für soziale Gerechtigkeit und Ressourcenschonung, Lornsenstraße in Kiel

Bündnis 90/Die Grünen, zuletzt bearbeitet am 10.08.2026

Ich enthalte mich.

Herzlichen Dank für die Petition, mit der das Thema auch noch einmal stärker der öffentlichen Diskussion zugänglich gemacht wird. In diesem Sinne möchte ich zunächst darstellen, welche Aspekte aus meiner Sicht bei der Abwägung relevant sind, um dann im letzten Absatz die Schlussfolgerungen zu ziehen und das aus meiner Sicht sinnvolle weitere Vorgehen zu skizzieren.

Grundsätzlich ist der Ansatz, vorhandenen Wohnraum möglichst zu erhalten, statt Neubauten zu errichten, sinnvoll und vernünftig. In diesem Sinne hat auch die Kreismitgliederversammlung der Grünen im September 2025 uns als Ratsfraktion beauftragt, bei Beschlüssen der Ratsversammlung bzw. ihrer Ausschüsse die bekannt gewordenen Vorhaben der WOGE kritisch zu begleiten, mit dem Ziel, bezahlbaren Wohnraum in der Innenstadt zu erhalten (siehe gruene-kiel.de/2025/09/21/erhalt-von-bezahlbaren-innerstaedtischem-wohnraum/).

Bisher liegen den städtischen Ausschüssen und der Ratsversammlung keine Anträge zum Thema vor. Dies dürfte auch daran liegen, dass es sich um Planungen eines privaten Unternehmens handelt, die zunächst einmal nicht der Entscheidung der Ratsversammlung unterliegen. Dennoch gab es bereits vor längerer Zeit Gespräche zwischen der Ratsfraktion der Grünen und der WOGE.

Die von beiden Seiten bereitgestellten Informationen unterscheiden sich dabei teilweise, z. B. hinsichtlich der Statik der betroffenen Häuser. Zur Energiebilanz liegen uns bisher keine quantitativ belastbaren Daten vor. Dabei ist es richtig, dass bei einem Neubau ein Bedarf an „grauer“ Energie (für die Herstellung der Baumaterialien u. ä.) anfällt. Dieser kann verringert werden, wenn bei einem möglichen Abriss dieser (oder auch anderer) Gebäude anfallende Materialien recycelt und beim Neubau eingesetzt werden. Dazu, ob es entsprechende Planungen gibt, liegen uns bisher keine Informationen vor. Auf der anderen Seite kann bei einem Neubau nach heutigen Energiestandards „rote“ Energie für die Beheizung eingespart werden. Dies wäre gegeneinander abzuwägen. Ob es entsprechende Bilanzierungen gibt, ist uns bisher nicht bekannt.

Zu der Abwägung zwischen „grauer“ und „roter“ Energie korrespondieren die finanziellen Auswirkungen auf die Mieter*innen: Während einerseits bei einem Neubau – übrigens grundsätzlich ebenso wie einer energetischen Sanierung der vorhandenen Altbauten – höhere Nettokaltmieten anfallen, können andererseits die Mietnebenkosten für Energie sinken. Dies wäre ebenfalls zu bilanzieren, vor allem mit unterschiedlichen Szenarien für die zukünftige Entwicklung der Energiepreise, die eher deutlich steigen als fallen dürften. Darüber, wie sich Warmmieten bei den Wohnungen verändern würden, die die WOGE den bisherigen Mieter*innen als Ersatz angeboten hat, haben wir bisher von keiner Seite Informationen erhalten.

Hinzu kommt der Faktor, dass bei einem Neubau nach Aussage der WOGE zusätzliche Wohnungen geschaffen werden können. Die aktuellen Mieter*innen profitieren davon zwar nicht, aber insgesamt entspannt dies den Mietmarkt und leistet damit auch einen Beitrag zu einem für alle Mieter*innen Kiels günstigeren Mietniveau. Natürlich ist der Effekt einer einzelnen Baumaßnahme begrenzt, aber es handelt sich bei den in der Petition angesprochenen Themen ja um grundsätzliche Fragen, die sich in der gesamten Stadt stellen können.

Dass bei einem Abriss der Häuser das soziale Gefüge der Bewohner*innen teilweise zerrissen wird, ist klar. Wie relevant dies hier im konkreten Fall noch ist, hängt davon ab, wie viele Mieter*innen Wert darauf legen, in den jetzigen Wohnungen zu bleiben und wie viele sich bereits für ihnen angebotene oder selbständig gesuchte Alternativen entschieden haben. Auch dazu fehlen uns bisher Informationen. Interessant wären in dem Zusammenhang auch Erfahrungen der Mieter*innen, denen die WOGE in der Vergangenheit vergleichbare Angebote gemacht hat (z. B. Uhlenkrog / Neuenrade).

Dies alles zeigt, dass eine einfache und klare Beantwortung der Frage, ob und für wen / was ein Neubau von Vorteil oder Nachteil ist, auf der Basis der bisher vorliegenden Informationen nicht seriös möglich ist. Dies gilt dann auch für ein Votum zur Petition, so dass ich mich momentan nur enthalten kann.

Wir möchten aber als Ratsfraktion der Grünen weitere Gespräche mit der WOGE führen, um die noch offenen Punkte und z. T. Widersprüche möglichst aufzuklären. Bei der WOGE handelt es sich bekanntlich um eine Genossenschaft, die nicht gewinnorientiert arbeitet, sondern dem Interesse ihrer Mitglieder verpflichtet ist und in der der Vorstand auch von den Genoss*innen kontrolliert wird. Daher sind wir zuversichtlich, dass weitere Gespräche konstruktiv geführt werden können. Sollten diese zu führenden Gespräche nicht zu befriedigenden Ergebnissen führen, kann ich mir vorstellen, mich ggf. auch noch der Petition anzuschließen. Dann wäre auch zu klären, welche Einflussmöglichkeiten zu welchem Zeitpunkt bei einem solchen privaten Bauvorhaben für die Ratsversammlung bestehen. Hierzu gibt es bei uns erste Überlegungen, die wir nach weiteren Gesprächen ggf. in Abstimmung mit der Verwaltung konkretisieren werden.

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