Deutschland ist eines der modernsten Länder. Rationalität ist für das politische und soziale Leben so wichtig wie die christliche Nächstenliebe. Doch im Jahr 2020 erleben wir seltsame Gleichzeitigkeiten: Die Kirchen leeren sich in einem rasanten Tempo. Politisch Außenstehende versuchen Angst vor anderen Religionen zu schüren und für rückwärts gewandte Programme zu nutzen. Der Klimawandel wird geleugnet. Auf den Straßen wird gegen Politiker demonstriert, wenn diese dem Rat der Wissenschaftler folgen und Gesetze anwenden, um vor Infektionen zu schützen und den Schaden der Pandemie gering zu halten. Wissenschaftler werden diffamiert.
Früher waren Menschen den Seuchen schutzlos ausgeliefert. Pest und Cholera haben große Teile der Bevölkerungen ausgelöscht. Gebete, Opfer und Selbstgeißelungen konnten daran nichts ändern. Sie waren Ausdruck der Hoffnung, etwas ändern zu können, aber auch der Hilflosigkeit. Die schwarze Grippe hat ab 1918 mehr Leben gekostet als der Weltkrieg zuvor, vor allem mit der 2. Welle. Schon ein Jahrhundert später konnten Erreger wie Ebola und SARS1 eingedämmt und gestoppt werden. Jetzt muss die Menschheit wieder mit einer ausgebrochenen Seuche zurecht kommen.
Es erstaunt, dass viele Menschen einfache Antworten erwarten und neuen Informationen mit immer mehr Misstrauen begegnen. Man scheint von der Wissenschaft etwas sehr ähnliches zu erwarten wie einst von der Religion: erlösende Worte. Zwar hat die Wissenschaft seit Entdeckung der Pockenimpfung enorm viel geleistet, sie hat Schmerzmittel und Antibiotika bereit gestellt, Wissen über Hygiene und Ernährung vermehrt, Prävention und Therapien gegen Krebs, Diabetes und Tuberkulose entwickelt. Aber Wissenschaft ist keine Religion. Religion stellt immer die letzten Fragen. Deshalb kann Religion auch nicht erlöschen. Wissenschaft hat eine andere Aufgabe: Sie stellt immer die nächste Frage. Wissenschaft wird niemals fertig sein.
Die meisten deutschen Feiertage sind religiöser Natur. Das Wissen über ihre Bedeutungen nimmt dramatisch ab. Mancher rät, Kindern das Pfingstfest oder Himmelfahrt wieder nahezubringen. Das ist berechtigt, denn sie gehören zur Geschichte des Christentums. Doch waren Menschen mittlerweile auch selbst auf dem Mond, ihre Sonden erforschen den Weltraum ebenso wie die Feinheiten und Gefahren der winzigen Gene.
Wichtig ist deshalb, auch dem kulturellen Fundament der modernen Gesellschaft einen Gedenkraum zu geben. Das wäre ein Feiertag für die Wissenschaft.
Der Feiertag für die Wissenschaft ehrt ihre Leistungen und hebt sie auf Augenhöhe mit ihrer Vorgeschichte. Der Feiertag für die Wissenschaft macht klar, dass die Wahrheit existiert, dass sie nicht selbstverständlich gekannt, sondern mühsam errungen wird. Ein Feiertag für die Wissenschaft erinnert daran, dass der Wissende das Unwissen kennen und mit ihm umgehen muss, dass Wissenschaft stete Verbesserung zum Ziel hat. Der Feiertag für die Wissenschaft gilt dem Kampf gegen die Ohnmacht, gegen die Gleichgültigkeit, gegen den unkorrigierten Fehler und gegen die Lüge. Der Feiertag für die Wissenschaft stellt Kompetenz gegen Autorität und erinnert daran, dass Wissen die Grundlage der Entscheidungsfähigkeit ist.
Nur wer etwas weiß, wer die Konsequenzen der Entscheidungen kennt, kann welche fällen. Auf dieser Fähigkeit fußt die Demokratie. Der Feiertag für die Wissenschaft ist wichtig, denn Wissen macht frei.