Vom Landesgerichtes Halle/ Saale wurde im Juni 2016 das Bild "Rapunzel 4" der Künsterin Julia Wegat verboten. Hiergeben liegt Verfassungsbeschwerde wegen Verletzung der Artikel 5 III GG, Kunstfreiheit und Artikel 12 I 1 GG, Berufsfreiheit vor.

Wir wollen diskutieren, wie wichtig Kunstfreiheit für den Erhalt der Demokratie ist. UnterstützerInnen helfen mit ihrem Votum, dass die Beschwerde vor dem Verfassungsgericht behandelt wird. Wir sind der Meinung, dass das Verbot von Kunst ein unzulässiges Mittel ist, nicht nur und besonders im vorliegenden Fall, sondern auch allgemein im Umgang mit Demokratie und Meinungsfreiheit. Es wird erwartet, dass sich politische Entscheidungsträger, ebenso Jedermann, also alle TeilnehmerInnen an einer funktionierenden demokratischen Gesellschaft eindeutig hierzu positionieren.

Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, Demokratie will geschützt, bewahrt und erarbeitet werden. Ebenso die Freiheit der Kunst. Denn: Eine freie Kunst ist ein Garant von, ein Wächter für Demokratie.

Begründung

Hintergründe: Im Jahre 2005 hat Wegat mit der Arbeit an einem Bilderzyklus begonnen, der die Märchen der Gebrüder Grimm zum Inhalt hat. Zuerst entstanden Bilder, die sich thematisch mit „Hänsel und Gretel“ und „Rotkäppchen“ und „Dornröschen“ befassten. Sie hat unter anderem Aspekte verarbeitet, die Angst und Schrecken der als unschuldig (unbekleidet) dargestellten Kinder zeigen, Momente von Schmerz, Schock und Agonie, die diese Märchen im Kern abgebilden: Hier werden Kinder ausgesetzt, vertrieben, getäuscht, gefangen genommen, gefoltert, mit dem Tode bedroht, in einen totenähnlichen Schlaf versetzt, sie sind Zeugen, wie Angehörige „gefressen“ werden. Man kann davon ausgehen, dass die Inhalte dieser Märchen allgemein bekannt sind und keiner expliziten Erläuterung bedürfen; daher auch der Titel „Volksmärchen“ für diese Art von Literatur. Selbst durch die Versüßlichung aktueller Deutungen dieser Volksmärchen durch Walt Disney und Co und selbst aus heutiger Sicht bleibt ihr Grundgehalt doch eine deutliche Warnung und drastische Abbildung von Grauen. Im Jahre 2010 hat Wegat dem Zyklus („Märchenbilder“) vier weitere Arbeiten angehängt. Im Gegensatz zu den Kindern der ersten Märchenbilder, deren Darstellung samt und sonders frei erfunden war, stellen diese Arbeiten drei ihr bekannte Mädchen im Adoleszensalter dar. Für die Abbildung hatte sie die Genehmigung der Eltern und der Abgebildeten erhalten. Die Bilder behandeln, wie der Titel aussagt, das Märchen „Rapunzel“. Auch hier dürfte die inhaltliche Thematik weitreichend bekannt sein: Ein junges Mädchen wird in einem Turm eingesperrt und kann sich dort nur befreien, nachdem sie ihr über die Jahre gewachsenes Haar durch ein Fenster hinablässt und an diesem Zopf ein Prinz hinaufgelangt, um sie zu retten. Wegats „Rapunzel“-Mädchen haben durchweg kurzes Haar und alle einen gebrochenen Arm. Hier kann man nun mit vielerlei Deutungen spielen, die alle die Adoleszenz meinen: die Versuche, sich selbst zu retten, aus dem Turm?, alleine, ohne Hilfe?, dabei verletzt werden? Einsamkeit? Uvm. Wie man dabei auf die Deutung „Kindesmissbrauch“ kommen kann, ist unverständlich, zumal man auch hier davon ausgehen kann, dass der Inhalt des Märchens allgemein bekannt ist (Volksmädchen). Im Jahre 2013 kam der gesamte Zyklus in Halle / Saale zur Ausstellung. In dieser Ausstellung waren die Bilder in drei getrennten Räumlichkeiten zu sehen: Die „Rapunzel“ Arbeiten waren, da sie sich sowohl zeitlich, als auch optisch und inhaltlich von den anderen absetzen, deutlich getrennt gehängt. Die Arbeiten mit den Titeln „Dornröschen“ und „Rotkäppchen“, die gemäß der Märchengehalte Darstellungen von totenähnlichen Kindern zeigen, waren in einem getrennten, abgeschlossenen Raum untergebracht. Die Arbeiten „Hänsel und Gretel“ und „Schneeweißchen und Rosenrot“ hingen in einem offenen dritten Raum. In einem Presseartikel im Internet wurden nun die Bilder mit dem Thema "Kindesmissbrauch" in Verbindung gebracht und das Bild „Rapunzel 4“ dort abgebildet. Die Eltern der dort gemalten, inzwischen volljährigen Person haben sich dagegen verwehrt, und das Bild wurde aus dem Artikel entfernt. Diese Eltern traten nun an Wegat heran und verlangten, dass das Bild aus dem Zyklus entfernt werde. Dagegen hat sie sich verwehrt, da sowohl den Eltern als auch der gemalten Person der Inhalt der Darstellung und der Kontext bekannt war, in dem das Bild zu sehen sein würde. Die abgebildete Person wird dort weder namentlich genannt, noch lässt die Abbildung weitere Rückschlüsse auf ihre Identität zu. Die Eltern drohten damit, sollte das Bild weiterhin öffentlich gezeigt werden, würden sie es verbieten lassen. Hierin wurden sie von den Gerichten in Halle /Saale unterstützt. Das Bild ist seitdem von zwei deutschen Gerichten verboten worden. Das Landgericht Halle/Saale erlaubt sogar ein Zurückziehen der einmal erteilten Abbildungsgenehmigung zu jeder Zeit und ohne Angabe von Gründen und damit jederzeit und völlig willkürlich ein Verbot der künstlerischen Abbildung bzw. Darstellung.

Was heißt dies also konkret? Als Künstler muss man alle Deutungsarten/Deutungsmöglichkeiten vorhersehen, der Künstler ist in vollem Umfang dafür verantwortlich: Es können also jegliche Arbeiten verboten werden, weil ein Dritter denken könnte, dieses Bild behandle vielleicht das Thema Missbrauch, Mord, Krieg, Ausländerfeindlichkeit…etc pp. Eine solche Praxis würde im Namen des "Schutzes der Persönlichkeitsrechte" dem Verbot jeglicher Kunstwerke Tür und Tor öffnen, und zwar könnte alle Kunst wahllos verboten werden. Bei jedem anderen Prozess dieser Art muss man dem „Täter“, also dem Verletzer dieser Persönlichkeitsrechte, nachweisen können, dass hier eine bewusste oder gewollte Verletzung vorlag - und bei Kunst soll das nun einfach so möglich sein? Weil irgendein Dritter, Vierter, Fünfter... in Monaten, Jahren, Jahrzehnten sich eine bestimmte Deutung erlaubt?

Vielen Dank für Ihre Unterstützung, Julia Wegat aus Frankleben
Frage an den Initiator

Neuigkeiten

  • www.stern.de/kultur/kunst/oberster-gerichtshof-soll-ueber-bildverbot-entscheiden-7556004.html

    Rechtsstreit
    Rapunzel vor Gericht - warum ein Märchenbild verboten ist

    Vom Landgericht Halle wurde ein Märchenbild verboten, nun ruft die Malerin Julia Wegat das Verfassungsgericht zu Hilfe. Was wiegt mehr: Persönlichkeitsrecht oder Kunstfreiheit? Bis zur Entscheidung muss "Rapunzel" unter Verschluss bleiben.

    Das Gemälde des jungen Mädchens mit dem Gipsarm hing im Frühjahr 2013 in der Christlichen Akademie in Halle an der Saale. „Rapunzel“ hatte die Malerin Julia Wegat als Titel dazugeschrieben. Es ging um „Märchenbilder“, um all die kindlichen Ängste, die sich in den überlieferten Texten spiegeln. Mehrere Mädchen hatten für die Motive Modell gestanden, für moderne Varianten von „Schneewittchen“, „Rotkäppchen“, „Dornröschen“, darunter auch die Tochter der Künstlerin.
    Ausstellungsverbot

    Gute Kunst lässt viel Raum für Interpretation. Zumindest das ist der Malerin danach vom Amtsgericht Halle bestätigt worden – und vom Landgericht Halle in zweiter Instanz bekräftigt. Denn völlig losgelöst vom Bildinhalt, seinem Titel und dem Thema der Ausstellung wurde „Rapunzel“ ausschließlich als Darstellung eines missbrauchten Mädchens wahrgenommen. Und veranlasste schließlich die Richter, ein Ausstellungs- und Veröffentlichungsverbot zu verhängen. Julia Wegat hat dagegen Verfassungsbeschwerde eingelegt, eine Reaktion des Bundesverfassungsgerichts steht aus.
    Kettenreaktion befürchtet

    Ein verbotenes Bild – das hat es in Deutschland schon lange nicht mehr gegeben. Das Urteil hat möglicherweise auch für andere Künstler weitreichende Folgen, denn es setzt die thematische Zuschreibung von außen mit dem Inhalt des Bildes gleich. Aus diesem Grund, und weil es in einer Kettenreaktion auch zu Verboten von weiteren ihrer Bilder führen könnte, geht Julia Wegat gegen das Urteil vor. "Für figurativ arbeitende Künstler wie mich kommt dies einem Berufsverbot gleich“, sagt Wegat. Mit einer Internet-Petition wirbt sie für Unterstützung und will die Karlsruher Richter dazu bringen, ihren Fall zu behandeln.
    Ein Rollenspiel, keine Identität

    Gegen die Künstlerin geklagt hatte die Mutter des Mädchens, das einst für „Rapunzel“ Modell saß. Mit dem Bild an sich schien die Familie kein Problem zu haben. Als es 2010 fertig war, hatte Wegat es der Familie präsentiert und sich die Erlaubnis eingeholt, es öffentlich zu zeigen und zu verkaufen. Die Identität des Mädchens wurde zu keinem Zeitpunkt preisgegeben – auch deshalb, weil es nicht um das Mädchen persönlich geht: „Sie war ein Modell von vielen. Im Film spielen Schauspielerinnen auch Rollen, die nichts mit ihrem wahren Leben zu tun haben. Das ist gängige Praxis in der Kunst.“

    Erst ein Bericht über die Schau im Internet führte zum Eklat. Unter der Überschrift „Öffentlichkeit für ein Tabuthema" hebt die Katholische Wochenzeitung „Tage des Herrn“ vor allem auf das Thema Kindesmissbrauch ab und sieht die Bilder als Aufforderung, den „Betroffenen Gehör zu verschaffen“. So konnte, wer denn wollte, die abgebildeten Mädchen als „Betroffene“ identifizieren.
    Es geht um Verletzbarkeit

    Frieder Badstübner, Geschäftsführer der Christlichen Akademie und Mit-Initiator der Ausstellung, bedauert diese einseitige Lesart. „Wir wollten eigentlich ein großesSpektrum an psychologischen Themen anbieten, und haben deshalb einen Katalog und auch ein Begleitprogramm angeboten.“ Der Artikel habe dann aber dazu geführt, dass nur noch diese sehr enge Interpretation wahrgenommen wurde. Badstübner: „Unterm Strich steht dem persönlichen Interesse der Kläger ja das gesellschaftliche Anliegen gegenüber, möglichst breit solche Themen wie Macht und Machtmissbrauch oder die Verletzbarkeit von Kindern zu diskutieren – all das, was ja in den Grimmschen Märchen verhandelt wird.“

    In ihrem Bedürfnis, den Bildern eine inhaltliche Brisanz zu verleihen, schossen die Veranstalter und Interpretatoren offensichtlich weit über das Ziel hinaus. Während die Malerin sich ausdrücklich mit den Märchenfiguren auseinandersetzt, lesen die Betrachter die Bilder als Tatsachenbehauptungen. „Mein Bild wird verboten, weil man an irgendeinen Kontext glaubt, den ein Dritter hergestellt hat? Das ist doch irgendwie komisch“, wundert sich Wegat.
    Persönlichkeitsrecht über Kunstfreiheit

    Erst acht Monate, nachdem das Bild ausgestellt und die Rezension der Schau im Internet erschienen war, reagierte die Mutter des Mädchens, widerrief ihre Zustimmung und reichte die Klage ein. Die Richter verzichteten darauf, sich das Bild anzuschauen und stellten das Persönlichkeitsrecht des Mädchens über die Kunstfreiheit. Im Urteil des Amtsgerichts Halle heißt es: „Die Klägerin, wie auch ihre Eltern halten den Kontext, in welchem das Bild gezeigt wurde, für unzulässig. Nach ihrer Auffassung wird dadurch in der Öffentlichkeit der falsche Eindruck vermittelt, die Klägerin sei das Opfer von häuslicher Gewalt und Missbrauch in der Familie geworden.“

    In Karlsruhe muss nun darüber befunden werden, welches der beiden hochrangigen Grundrechte – Recht auf Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht – in diesem Fall überwiegt.
    Solidarität mit der Künstlerin

    Die Münchner Akademie der Künste, an der Wegat einst studiert hat, unterstützt den Kampf der Malerin um die Sichtbarkeit ihres Bildes: „Wir treten voll und ganz für die Freiheit der Kunst ein und wehren uns gegen jegliche Zensur“, schreibt der Präsident der Akademie, Dieter Rehm, in einer Solidaritätsadresse an die Künstlerin.

    Werner Schaub, Bundesvorsitzende des Berufsverbands Bildender Künstler, hält die ganze Angelegenheit nicht geeignet für eine Grundsatz-Diskussion. „Das ist eine völlig verfahrene Kiste geworden. Wenn die Künstlerin schlau gewesen wäre, hätte sie einen schwarzen Balken über das Gesicht gemalt und damit viel mehr erreicht. Das wäre eine elegante Umgangsweise mit der Sache gewesen.“ Dass eine Zuschreibung von außen die Autonomie eines Kunstwerks aushebelt und womöglich jedwede Auslegung geeignet ist, ein Bild zu diskreditieren, hält jedoch auch Schaub für bedenklich.
    Keine Frage der Moral

    Wenn man das Gemälde losgelöst von diesen Vorgängen ansieht, reibt man sich die Augen: Zu sehen ist das Bild eines selbstbewussten blonden Mädchens, das etwas skeptisch nach links am Betrachter vorbei schaut. Sie trägt ein rotes Shirt und um den linken Arm einen pinkfarbenen Gipsverband. Missbrauch? Eher entsteht der Eindruck, Rapunzel habe sich die Haare abgeschnitten und sich bei der Flucht aus dem Turm den Arm gebrochen.

    Das Mädchen, das einst Modell für „Rapunzel“ saß, ist mittlerweile volljährig. Zu dem Streit um „Rapunzel“ möchte sich Julia L. nicht äußern. Längst sind es keine Märchenfiguren mehr, denen sie ihr Gesicht und ihre Gestalt leiht. Unter „Julia, weiblich, 20 Jahre, Model, Tänzerin“ posiert sie im Internet als Unterwäschemodel. Das Recht am eigenen Bild ist nicht länger eine Frage der Moral – sondern nur noch eine des Preises.

    >

  • Das verbotene Bild wird auf der HALART Kunstmesse in der Händelhalle in Halle / Saale am 04. und 05.11.2017 (nicht) zu sehen sein.
    Wir freuen uns auf viele Besucher und rege Diskussionen.

Pro

Es gibt das sogenannte Recht am eigenen Bild, allerdings findet dieses Recht seine Grenzen an anderen Grundrechten, dazu gehört Artikel 5, Grundgesetz, das Recht der künstlerischen Freiheit. Dieses Recht wiegt mehr als das Recht am eigenen Bild, dazu gibt es auch Grundsatzurteile! - Mephisto Urteil

Contra

Die Interessen der Eltern und des abgebildeten Kindes überwiegen.