Offener Brief an ver.di Über Heinrich Birner, Geschäftsführer ver.di Bezirk München und Region Cc: Alle im Streik befindlichen Erzieher

Betreff: Unbefristeter KiTa-Streik

München, den 24.05.2015

Sehr geehrter Herr Birner, in einer Email vom 20.05.2015 appellieren Sie an vom Streik betroffene Eltern, sich mit Briefen an die kommunalen Arbeitgeberverbände zu wenden, um den Druck auf eben diese zu erhöhen.

Ich behalte mir vor, Ihrem Vorschlag zu gegebener Zeit nachzukommen - zunächst richte ich meinen Brief hingegen über Sie an Verdi.

Eins vorweg, liebe Verdi und liebe Erzieher – Sie haben in meinen Augen jedes Recht, ein Gehalt in beliebiger Höhe für Ihre großartige Arbeit zu fordern. Dieses Recht hat jeder. Ich glaube nicht an einen absoluten, „fairen“ Maßstab für die Bezahlung einer Tätigkeit – daher ist auch keine Forderung per se unangemessen oder ungerecht. Fordern Sie also gerne was auch immer Sie gerne haben möchten – ich habe kein Problem damit.

Ich habe hingegen ein großes Problem damit, wie Sie Ihre Forderungen durchsetzen wollen – und ich mache mir große Sorgen, dass Sie hier eine Chance für echte Veränderungen vertun und unseren Kindern und unserer Gesellschaft insgesamt immens schaden könnten.

Nicht etwa, weil nun ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung mit Kindern nach Luft ringt und Kinder über einen längeren Zeitraum ihren gewohnten und ritualisierten Tagesablauf verlieren. Das wird den meisten, so belastend die Situation akut auch sein mag, nicht dauerhaft schaden, selbst wenn es noch Monate gehen sollte.

Nein, die Sache geht viel weiter. Ich stelle hiermit ihr Mittel „Streik“ – ob un- oder befristet – grundsätzlich in Frage. Mit anderen Worten: Ihren Streik, insbesondere in diesem Falle - in dem kein Druck an der relevanten Stelle ausgeübt wird und der medial so gut wie überhaupt nicht vorkommt – halte ich für ineffektiv, gesellschaftlich schwächend und nicht mehr zeitgemäß.

Wie ich darauf komme?

Ganz einfach: Ich habe mich gefragt: Was erfährt mein vom Streik betroffener Sohn eigentlich gerade darüber, wie die Welt funktioniert und wie man bei Uneinigkeiten miteinander umgeht?

Ich will es Ihnen sagen. Er erfährt gerade, dass man alles stehen und liegen lassen darf, um seine Gehaltsforderungen durchzusetzen; dass man anderen gegenüber eingegangene Verpflichtungen von einem Tag auf den anderen fallen lassen darf, noch dazu ohne über die Hintergründe und Möglichkeiten der Mitwirkung zu informieren; und dass man mit dem Finger auf andere zeigt und einen Schuldigen sucht, wenn man sich streitet.

Warum muss das unbedingt so sein?

Warum erwarten Sie von uns Eltern Solidarität, wenn wir, seien wir ehrlich, in dieser Konstellation kaum einen (monetären) Hebel haben? Und dazu noch kaum informiert, geschweige denn mit einbezogen werden? Wenn dieser Streik medial, seien wir nochmal ehrlich, im Wesentlichen nur marginal in Regionalformaten auftaucht?

Warum können Sie nicht den Kindern, die Ihnen anvertraut sind, und deren Eltern, zeigen, wie man – gerne leidenschaftlich, hart und unter hoher medialer Präsenz- respektvoll und kreativ Verhandlungen führt, selbst wenn ihr Verhandlungspartner sich nicht ihren Wünschen entsprechend verhält?

Es wird Zeit, sich von einem Verhandlungsmittel zu verabschieden, das seinen Ursprung in einer weit weniger vernetzten, weniger befähigten und sehr viel abhängigeren Gesellschaft des vor- und industriellen Zeitalters hat. Hören Sie auf, sich als Opfer der Arbeitgeberverbände zu stilisieren. Hören Sie auf, mit dem Finger auf sie zu zeigen. Hören Sie auf, Recht haben zu wollen. Machen Sie sich daran, innovative und kreative Lösungs- und Verhandlungswege zu beschreiten. Holen Sie sich die besten Verhandlungsexperten der Welt als Partner an Ihre Seite – das wird mit Sicherheit günstiger als die Millionen, die Ihnen gerade durch die Finger rinnen. Stehen Sie jeden Tag auf der Arbeitgeber-Matte, unabhängig davon, wann Ihr Verhandlungspartner die nächste Mitgliederversammlung terminiert hat.

Zeigen Sie unseren Kindern und uns, dass man sich gegenseitig in die Augen schauen und dabei pro-aktiv, wertschätzend und ohne Schwarzen Peter verhandeln kann. Wie man Medien und soziale Netzwerke in einer dauerpräsenten und klugen Art und Weise einbezieht. Und dass man mit all dem, und sehr viel Geduld, schließlich eine von allen getragene – und mit Sicherheit fällige - Veränderung in Gesellschaft und Politik bewirken kann.

Was Sie unseren Kindern aktuell vorleben, wird sie 1000mal mehr prägen als alle noch so gut durchdachten pädagogischen Förderkonzepte.

Mit besten Grüßen, Dank und Hoffnung, Patricia Pyrka

Begründung

Weil wir unseren Kindern vorleben wollen, wie man Konflikte und Uneinigkeiten konstruktiv, wertschätzend und kreativ löst. Weil wir uns weder von ver.di noch von den Arbeitgeberverbänden einspannen lassen wollen und finden, dass man diese Verhandlungen auch ohne das Schüren von Feindbildern führen kann. Weil dieser Streik ineffektiv ist, medial kaum vorkommt und keinem wirklich hilft. Weil wir die Forderungen der Erzieher nach mehr Anerkennung ihrer Arbeit unterstützen und einen Lösungsweg anregen wollen, der von ALLEN getragen wird.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung, Patricia Pyrka aus München
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    was als persönlicher, offener Brief begann - ist zu einem vielfältigen Appell an eine neue Art von Streit- und Verhandlungskultur geworden. Nicht nur Ihre Unterschriften, sondern auch Ihre Kommentare, Pro-, Kontra- und Gegenargumente haben diese Petition zu einem reichhaltigen Dokument gemacht, das sich gegen vereinfachende Schuldzuweisungen und Schwarz-Weiß-Denken in Konfliktsituationen wendet. Dafür will ich mich nochmal ganz herzlich bei Ihnen bedanken.

    In den letzten Wochen und Monaten wurde ich oft gefragt, was es denn nun genau sei, was man statt eines Streikes tun könne, um Forderungen durchzusetzen.

    Ich glaube, dass schon diese Frage Teil des Problems ist.

    Denn diese Frage nimmt an, dass es eine Art Allerheilmittel gibt, wenn man sich in einem Konflikt befindet. Sie impliziert auch, dass es ein Anrecht auf Durchsetzung von Forderungen gibt. Sie beinhaltet, dass es einen vermeintlich Stärkeren und Schwächeren gibt, und dass man in irgendeiner Form „aufrüsten“ muss, um nicht das Nachsehen zu haben.

    Es gibt aber kein Patentrezept. Es gibt auch keine Garantie dafür, dass eine Seite ihre Forderungen durchsetzen wird (auch wenn sie es ihren Mitgliedern noch so sehr verspricht). Und die Klassifikation in "stärker" und "schwächer" ist schlussendlich frei gewählt. (Wer nach Aufwertung ruft, hat sich im Grunde schon selbst entwertet.)

    Die Herausforderung speziell in diesem Konflikt liegt darin, sich von historisch gewachsenen Praktiken und Gewohnheiten zu lösen. Noch dazu, wo die Geschichte der Streikkultur und Gewerkschaften sowie die Betreuung von Kindern emotional hoch aufgeladen und in vielerleich Hinsicht ein sensibles Thema ist.

    Aber wenn beide Seiten den Konflikt als einen wichtigen Teil der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung annehmen können, sich regelmäßig (auch außerhalb von Tarifverhandlungen) an einen Tisch setzen und im Gespräch bleiben und sich dafür entscheiden, auf Augenhöhe miteinander zu reden und sich um gegenseitiges Verständnis zu bemühen - dann wird früher oder später etwas in Bewegung kommen. Aber wenn beide Seiten das nicht können - dann reicht es, wenn eine Seite damit anfängt. Und genau diese Seite wird wahrscheinlich kaum glauben können, wie sie auf einmal aus der vermeintlich schwächeren Position in die Führungsrolle kommt.

    Ich wünsche ver.di, dass sie genau diese Verantwortung in den nächsten Wochen nicht leichtfertig vergibt.

    In der Zwischenzeit freue ich mich, diese Petition an Herrn Birner zu übergeben. Ich werde mich weiter um eine Rückmeldung bemühen - bisher hat er sämtliche Nachfragen hartnäckig ignoriert - und werde Sie darüber auf dem Laufenden halten.

    Für eine kreative Streitkultur, mit meinen besten Grüßen und Dank,
    Patricia Pyrka

Pro

Der mehrere Wochen andauernde Steik verliert jedes Maß. Das Wohl der Eltern wird durch das zwansläufige Opfern des Jahresurlaubs empfindlich beschädigt. Erzieher/Erzieherinnen verdienen schon jetzt mehr als andere mit vergleichbare Ausbildung. Allein eine neue Einstufung wird ihnen nicht zu mehr Anerkennung verhelfen und schon gar nicht den Kindern zu einer besseren Betreuung.

Contra

Tipp: Sie könnten Ihren Kindern erklären, dass man nicht immer einfach alles stehen und liegen lassen darf, um seinen Willen durchzusetzen. Aber man darf in diesem Land für seine Rechte als Arbeitnehmer streiken. Für dieses Recht sind Menschen gestorben. Es ist mit Mühen erkämpft worden und wird zurecht von unserem Grundgesetz garantiert. Und natürlich gilt dieses Grundrecht auch für Erzieherinnen - ob uns das als Eltern jetzt gerade genehm ist oder nicht. Solche Argumentationen unterhöhlen dieses Streikrecht (nicht juristisch aber moralisch) und sind daher hochgefährlich.