19.09.2026, 09:56
Nach 82 Jahren: Ein Blick in die öffentlich zugänglichen Archive in Königswinter, Siegburg und Altenkirchen – deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mich dabei engagiert unterstützt haben –, sowie in die Online-Archive des Landesarchivs NRW und der Arolsen Archives in Bad Arolsen genügte, um ohne örtliche Nähe und ohne Forschungsauftrag vier Zwangsarbeiter der Lemmerzwerke sowie den ersten namentlich bekannten Zwangsarbeiter mit Bezug zum Wintermühlenhof zu identifizieren. Hinzu kommen zwei weitere Namen, deren Bezug zu Lemmerz bislang nicht gesichert ist:
Petro Beatkowski, Iwan Kuchan, Sawa Brel und Georg Kostiw (Lemmerz), Max Landmann (Wintermühlenhof) sowie – ohne gesicherten Lemmerz-Bezug – Stefan Nemkowitsch und Ignatz Schetnowaty.
Sie wurden nach Königswinter verschleppt, ausgebeutet und sind hier gestorben. Man findet dabei nicht nur einen Namen – man gibt diesen Menschen etwas zurück, das ihnen 82 Jahre lang genommen war: ihr Gesicht, ihre Identität und ihre unantastbare Würde. Die beiden zugrundeliegenden Arolsen-Dokumente sind dieser Meldung beigefügt; weitere Dokumente, insbesondere die Sterbeurkunden, können bei der Stadt Königswinter eingesehen werden.
Zum Ausmaß: Bei Lemmerz lag der Zwangsarbeiteranteil zeitweise bei bis zu 56 Prozent der Belegschaft (400–500 von 900 Beschäftigten, laut britischem Militärregierungsbericht vom 30.9.1947). Der Firma wurde von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) das Gaudiplom für hervorragende Leistungen verliehen. Zur Produktionserweiterung erging 1943 eine Verlagerungsanordnung des Oberkommandos des Heeres (OKH) nach Ingelbach und Wunsiedel. Von den Opfern dieser Produktion sind bislang gerade einmal vier namentlich gesichert; die übrigen sind bis heute nicht identifiziert.
Die Körperschaftssteuer des Werks stieg von 1933 bis 1942 um das 63-Fache, das persönliche Einkommen Paul Lemmerz' aus Patent- und Lizenzgebühren zwischen 1933 und 1943 um das 34-Fache. Paul Lemmerz trat entgegen seiner eigenen Angabe in der Entnazifizierungsakte nicht 1933, sondern bereits am 1. Januar 1932 – also vor der Machtübernahme – in die NSDAP ein. Es gab keine Vermögenssperre, und noch 1947 wurden den Zwangsarbeitern Lohn geschuldet.
1953 spendete er der Stadt ein Schwimmbad. 1999 wurde per Treuhandvertrag eine Stiftung mit einem Kapital von 1 Million Euro gegründet – zur ausschließlichen Förderung von Kunst, Kultur und Denkmalpflege in Königswinter.
Eine Herkunftsprüfung dieses Kapitals hat es nach derzeitigem Kenntnisstand nicht gegeben. Haushaltsrechtlich ist dies unbedenklich – doch stellt sich die Frage, ob es das auch ethisch und moralisch ist. Die Stiftung fördert bis heute Kunst, Kultur und Denkmalpflege. Gehört dazu nicht auch die Aufarbeitung der NS-Zwangsarbeit in der Firma ihres Namensgebers und Gründers?
Mindestens drei Primärquellen, die zu dieser Recherche geführt haben, lagen im Stadtarchiv Königswinter vor und waren seit 2008 in der einschlägigen Forschungsliteratur dokumentiert. Wären sie rechtzeitig ausgewertet worden, hätten diese Namen dann nicht auch in der NS-Sonderausstellung 2025 im Siebengebirgsmuseum, "Ausgegrenzt. Verfolgt. Ermordet – Die Opfer des Nationalsozialismus im Siebengebirge", genannt werden können?
Stadt Königswinter, Landschaftsverband Rheinland, NRW-Stiftung und der Landrat des Rhein-Sieg-Kreises wurden über diese Funde informiert. Eine Reaktion ist bis heute nicht erfolgt.
Für diese Menschen – die vermutlich anonym auf dem Ehrenfriedhof Ittenbach ruhen – und die vielen anderen, noch namenlosen Opfer, gibt es nicht einmal eine Gedenktafel am Ort des Geschehens, während für die Familie Lemmerz ein aufwendiges Ehrengrab existiert.
Ist Aufarbeitung und ein würdiges Gedenken nicht unsere Verantwortung, auch als zweite oder dritte Generation nach den Tätern – gerade jetzt, wo einige dieser Menschen aus der Ukraine stammten, einem Land im heutigen Krieg?
Wir bitten Sie weiterhin herzlich um Ihre Unterstützung – jede Unterschrift zählt, damit diese Menschen den Platz in der Erinnerungskultur Königswinters erhalten, der ihnen zusteht: nach Aufarbeitung eine Erinnerungskultur an den Orten des Geschehens selbst.