Wir fordern eine grundlegende Neufassung des Rahmenlehrplan-Entwurfs Geographie Berlin-Brandenburg für die Jahrgangsstufen 5-10, weil ...

  • das Fehlen von Inhalten zur Beliebigkeit führt,
  • geographische Kenntnisse als eine Basis des Weltverständnisses nicht ausgewiesen werden,

  • Vermischungen der Fächer Geographie, Geschichte und Sozialkunde keinem der Fächer gerecht werden,

  • die Lernenden in der Sekundarstufe I nicht fachgerecht auf die Anforderungen in der Kursphase vorbereitet werden,

  • unklar bleibt, wie Leistung definiert und gemessen werden soll.

Fazit

Dem Lehrplan-Entwurf liegt kein fachorientiertes Gesamtkonzept zugrunde, geographische Inhalte verlieren sich in der Beliebigkeit, das führt zu einer zunehmenden Entwertung. Wir fordern daher eine völlige Neufassung, die sich an fachlichen Kriterien orientiert und in der die Fachkompetenzen der Lehrkräfte, der Fachkonferenzen, der Hochschulen sowie des Schul-Geographenverbandes einfließen.

Berlin, 26.2.2015

Klemens Rinklake, 1. Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schulgeographen, Landesverband Berlin Eberhard Ninow, 2. Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schulgeographen, Landesverband Berlin

Begründung

Begründung: Das Fach Geographie ist ein wissenschaftliches Fach mit einer eigenen Systematik, die zunächst aus den beiden Teilbereichen „Physische Geographie“ und „Anthropogeographie“ besteht. Für beide Bereiche gibt es wiederum einzelne Unterabteilungen, für die jeweils grundlegende Erschließungsmodelle erarbeitet wurden. Im Bereich der physischen Geographie lassen sich die Unterabteilungen z.B. mit Hilfe des Geosphärenmodells darstellen, als Beispiel aus dem Bereich der Anthropogeographie sei hier die Siedlungsgeographie mit dem Modell der Daseinsgrundfunktionen angeführt. An einen Lehrplan sind hohe Anforderungen zu stellen: Den Schülern sollen im Unterricht Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten vermittelt werden, um eigene Entscheidungen sinnvoll treffen und fremde Entscheidungen sicher beurteilen zu können. Die Basis besteht aus sicheren Kenntnissen, wer nichts weiß, muss alles glauben und gerät ins Schwätzen. Kenntnisse müssen auf Inhalte bezogen sein, die in ihrer Zusammensetzung (und die zu leisten ist Aufgabe eines Rahmenlehrplanes!) eine möglichst umfassende Darstellung der Welt aus geographischer Sicht bilden. Inhalte sind kein Zufall. Der vorliegende Plan-Entwurf hält diesen Ansprüchen nicht stand. Im Folgenden finden Sie eine Zusammenstellung der wichtigsten Einwände: - Die Reihenfolge der Themen im vorliegenden Entwurf folgt keinem nachvollziehbaren geographischen Konzept, sie erscheint vielmehr beliebig. - Geographie soll demnach ohne Struktur und ohne Raumbezug unterrichtet werden (mosaikartiges Vermitteln von beliebig erscheinendem Teilwissen), das fachimmanente Prinzip der raumbezogenen Analyse wird aufgegeben, naturgeographische Grundlagen werden nicht systematisch vermittelt. - Eindeutig geographisch fundierte Inhalte werden abgebaut zugunsten nebulöser gesellschaftswissenschaftlicher Themen wie Armut und Migration.

  • Fundamentum und Additum werden nicht mehr ausgewiesen, die Fachkompetenz kommt zu kurz.
  • Der Anforderungsbereich „Kennen“ wird kaum noch nachvollziehbar ausgewiesen, da es an verbindlichen Inhalten fehlt.
  • Es bleibt unklar, wie Leistung definiert und gemessen werden soll.
  • Das Fächer-Konglomerat in der fünften und sechsten Klasse birgt die Gefahr, dass kein Fachunterricht stattfindet. Über welche Fakultas verfügt die jeweilige Lehrkraft? Etwas Entsprechendes gilt für die übergreifenden Themen in den Klassen 7 -10.
  • Für die Doppeljahrgangsstufen 7/8 und 9/10 gilt: Die Themen zur vorgesehenen synchronen Bearbeitung (Geographie, Geschichte und Politische Bildung) können durchaus, der fachlichen Ausbildung der Geographielehrkräfte entsprechend, von diesen eigenständig unterrichtet werden.
  • Die Fächer Geographie und Geschichte haben mit dem Raum bzw. der Zeit jeweils typische Alleinstellungsmerkmale. Zwischen den Fächern gibt es sicherlich Schnittpunkte, aber nur bedingt Schnittmengen.
  • Die relative Beliebigkeit der Inhalte macht einen Schulwechsel von Reinickendorf nach Rudow schwieriger als einen von Rendsburg nach Rudow.
  • Unverbindliche Rahmen-Vorgaben an Inhalten erschweren die Arbeit der Fachkonferenzen bei der Festlegung schulinterner Curricula.
  • Die Ausstattung mit Unterrichtsmaterialien muss weitgehend neu erfolgen, da insbesondere vorhandene Schulbücher nur noch sehr eingeschränkt nutzbar sein werden.
  • Schulbücher bekommen eine ihnen nicht zustehende Funktion: Bisher wurden in ihnen die Inhalte der Rahmenlehrpläne aufgearbeitet und so ein passendes Angebot erstellt; in Zukunft werden Schulbücher die Inhalte vorgeben, da kein Verlag ein Werk für die Vielfalt der Möglichkeiten konzipieren kann.
  • Es fehlen Angaben zum Wahlpflichtfach Geographie.
  • In den 7. Klassen wird die geographische Vorausbildung noch schlechter als bisher sein.
  • Schulen mit bilingualem Unterricht müssen den Anfangsfachunterricht in Geographie ab der 7. Klasse in der fremden Sprache durchführen.
  • Eine sinnvolle Vorbereitung auf die Grund und Leistungskurse der Oberstufe ist nicht mehr gewährleistet. Das 2. Aufgabenfeld ist aber Pflicht in der Oberstufe, gerade Geographie wird oft auch als Leistungskursfach gewählt.
  • Es mangelt an Kompatibilität zwischen hohem Anspruchsniveau der Ziele und dem real existierenden Zeitvolumen (Geographie als Einstundenfach).

Fazit:
Wird dieser Rahmenplan in der vorliegenden Fassung umgesetzt, werden die Inhalte der Geographie in homöopathischen Verdünnungen unkenntlich, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis das Fach im schulischen Bereich endgültig verschwindet. Damit verschwindet dann das Fach, das vom Selbstverständnis und vom Namen her die "Erde beschreibt" und sie Kindern und Jugendlichen verständlich macht. Es ist nicht nur fahrlässig, sondern sogar gefährlich, auf dieses Bildungsgut zu verzichten.

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  • Sehr geehrte Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Petition
    OHNE GEOGRAPHIE FINDEST DU DICH NICHT ZURECHT!

    Der Zeitraum der Anhörung zum Rahmenlehrplanentwurf für Geographie ist vor den Osterferien abgelaufen.
    Der VDSG (LV Berlin) hat, vertreten durch den Vorstand, bereits im Januar eine sehr deutliche Stellungnahme verfasst und eine grundlegende Neufassung gefordert. Diese Ausführungen wurden von vielen Fachkonferenzen, von Fachseminaren und von Einzelpersonen - ggf. überarbeitet und ergänzt - übernommen und an das LISUM geschickt.
    Weiterhin haben wir die von Ihnen unterzeichnete „Offene Petition“ unter dem Titel OHNE GEOGRAPHIE FINDEST DU DICH NICHT ZURECHT! formuliert und ins Netz gestellt, in der die Forderungen nach einer Neufassung noch einmal dargelegt und begründet wurden. Die Petition lief mit dem Ende des Anhörungszeitraumes aus, sie wurde von 2315 Personen unterzeichnet!
    Ein Blick in die Adressen-Liste der Petition offenbart, dass neben den unmittelbar betroffenen Lehrkräften aus Berlin und Brandenburg auch sehr viele Geographinnen und Geographen aus dem gesamten Bundesgebiet und aus allen Ebenen der Bildungs- und Forschungseinrichtungen der Geographie unterzeichnet haben.
    Ein herzliches Dankeschön an alle, die mit ihrer Unterschrift deutlich machten, dass hier ein erheblicher und grundlegender Änderungsbedarf besteht.
    Am 22.4.2015 fand die Übergabe der Petition an die Schulsenatorin, vertreten durch ihre Sprecherin, Frau Beate Stoffers, in der Pressestelle des Schulsenats statt.


    Am folgenden Tag, am 23.4.2015, gaben das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (Brandenburg), und die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft (Berlin) als Reaktion auf die vielen ablehnenden Stellungnahmen gegen die Rahmenlehrplanentwürfe eine gemeinsame Presseerklärung heraus, die Sie unter der folgenden Adresse nachlesen können:
    www.mbjs.brandenburg.de/sixcms/media.php/5527/PM-Rahmenlehrplan%20-%20Mehr%20Zeit%20bis%20zur%20Einf%C3%BChrung.pdf 26.4.15

    Die wichtigsten Inhalte in Kürze:
    - Eine Neufassung des RLPs soll erst zum Schuljahr 2017/18 „unterrichtswirksam“ werden.
    - Es sollen Beratungen der Fachgruppen mit den Verbänden stattfinden, um sachgerechte Kompromisse zu finden.
    - In Bezug auf die Geographie sollen die Jahrgangsstufen 8 und 9 sowie die „Ausgestaltung des neuen Faches Gesellschaftswissenschaften in den Jahrgangsstufen 5 und 6 (aus Geschichte, Geographie und Politische(r) Bildung)“ vertieft besprochen werden
    - „Das LISUM wird alle Stellungnahmen weiter auswerten, einarbeiten und in Verbindung mit den Anregungen aus den Gesprächen mit den Verbänden eine fertige Fassung des neuen Rahmenlehrplans im Herbst vorlegen.“
    - „Viele Rückmeldungen machten deutlich, dass zu den Kerninhalten des Rahmenlehrplans Fort-und Weiterbildungsbedarf für die Lehrkräfte besteht und die Schulen mehr Zeit für die Erarbeitung der schulinternen Curricula benötigen.“
    - „Die Bildungsbehörden beabsichtigen, alle Anhörungsbeiträge in anonymisierter Form zu veröffentlichen.“

    Aus unserer Sicht ist es zu begrüßen, dass die Einführung eines neuen RLPs um ein Jahr verschoben wird und die Fach-Verbände bei der Neufassung einbezogen werden sollen. Unser Angebot zur Mitarbeit bleibt gültig. Klärungsbedarf besteht noch in Hinsicht auf den Einbezug aller Jahrgangsstufen und die Aufteilung des Konglomeratfaches in der 5. und 6. Klasse. Ob die Zeit bis zum Herbst reicht, um schulgerechte Neufassungen zu erarbeiten, ist fraglich, hier könnte unnötiger Zeitdruck aufgebaut werden. Einen Fort- und Weiterbildungsbedarf sehen wir auch, allerdings eher nicht bei den Lehrkräften. In der Veröffentlichung der bisherigen Beiträge müssten sich alle, die sich zur Anhörungsfassung geäußert haben, wiederfinden. Die als „überwiegend positiv“ bezeichneten Anhörungsergebnisse decken sich nicht so recht mit unseren Erfahrungen.

    Die Petition umfasste zeitlich - ihrem Zweck entsprechend - den Anhörungszeitraum der neuen Rahmenlehrpläne. Eine Verlängerung haben wir erwogen, aber verworfen. Der Text müsste neu formuliert und auf die gegenwärtig offene Situation bezogen werden. Im Augenblick bleibt abzuwarten, was bis zum Herbst in den Rahmenlehrplanentwürfen wie geändert wird.
    Insgesamt lässt sich ein Etappen-Erfolg feststellen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
    Noch einmal: Danke für Ihr Engagement!

    Klemens Rinklake, 1. Vorsitzender des VDSG (LV Berlin)

    Eberhard Ninow, 2. Vorsitzender des VDSG (LV Berlin)

  • Einige Historiker haben bereits Alternativentwürfe zu den Rahmenlehrplänen erarbeitet. Sie finden die Vorschläge unter:

    www.schul-gerecht.de/index.php/2015-petition#alternative

    Klemens Rinklake

Pro

In der Charter on Geographical Education haben sich etwa 70 Mitgliedstaaten der International Geographical Union dafür ausgesprochen, dass sie es für dringend notwendig erachten, Geographieunterricht durchgängig in der Sekundarstufe i und II zwei Stunden in der Woche anzubieten. Die großen Herausforderungen unsrer Zeit machen dies dringend notwenig

Contra

Mit dem unter "Neuigkeiten" verlinkten Vorschlag der Historiker (Alternative 3) wäre die Geographie dann endgültig abgeschafft: Wer unter dem Themenkomplex "Herrschaft und Partizipation" nur noch den "Naturraum" behandeln darf, der verfällt entweder in Geodeterminismus oder ist schon gleich schlicht überflüssig.