15.01.2026, 11:37
Inhaltlicher Hintergrund zum Bild – Wilhelm Busch und die „Haul“-Kultur
Das Bild ist in Anlehnung an Wilhelm Busch gewählt, konkret an die Figur der „frommen Helene“.
Wilhelm Busch beschreibt darin eine Person, die nach außen tugendhaft, moralisch und fromm erscheint, in Wahrheit jedoch ein Doppelleben führt. Mit scharfem Witz entlarvt er Scheinheiligkeit, Bigotterie und gesellschaftliche Doppelmoral. Die Geschichte arbeitet mit Ironie, Überzeichnung und moralischer Kritik, getragen von Text und Zeichnung.
Das häufig zitierte „Schnaps! Das war sein letztes Wort“ ist zwar keine wörtliche Textstelle aus „Die fromme Helene“, stellt jedoch eine verbreitete Verdichtung des zentralen Motivs dar. Das tatsächliche Busch-Zitat lautet sinngemäß:
„Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“
Der Kern ist klar:
Sorgen, innere Leere oder Konflikte werden nicht gelöst, sondern überdeckt – durch Alkohol, Ablenkung, Verdrängung.
Genau dieser Mechanismus findet sich heute in der sogenannten „Haul“-Kultur wieder.
„Haul“ (englisch für Fang, Beute, Ausbeute) bezeichnet in sozialen Medien das Präsentieren von Einkäufen – häufig in Form von Videos, in denen Menschen euphorisch Pakete auspacken, oft von Plattformen wie Temu, Shein oder ähnlichen Anbietern.
Auf YouTube und anderen Plattformen finden sich massenhaft solche Videos:
Menschen präsentieren den Inhalt orangefarbener Tüten und Pakete, häufig mit Artikeln, die objektiv betrachtet kaum gebraucht werden, teils bizarr wirken und nicht selten schnell im Müll landen.
Der emotionale Effekt ist dennoch eindeutig:
Der „Haul“ macht glücklich - kurzfristig.
Genau hier liegt die inhaltliche Verbindung:
So wie bei Wilhelm Busch Sorgen mit Likör überdeckt werden, werden heute Leere, Stress, Frust oder Unzufriedenheit durch Kaufrausch und Konsuminszenierung überdeckt.
Dieses Bild greift diese Parallele bewusst auf.
Es ist kein dekoratives Element, sondern eine visuelle Verdichtung dieser Kritik.