EILPETITION MIT BLICK AUF DIE SONDERSITZUNG DES HOCHSCHULSENATS DER EV. HOCHSCHULE FÜR SOZIALE ARBEIT UND DIAKONIE HAMBURG IN DER LETZTEN JUNIWOCHE 2017

Die Stadt Hamburg möchte an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie (EHS) einen berufsqualifizierenden dualen Studiengang der Sozialen Arbeit einführen, der jährlich und exklusiv 50 bis 100 Studierende als Fachkräfte für eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst (öD) ausbildet. Grundlage des Vorhabens ist der Koalitionsvertrag zwischen SPD und Grünen aus dem Jahr 2015, in dem es heißt: „Trotz Personalabbau ist die Stadt darauf angewiesen, qualifiziertes Fachpersonal für sich zu gewinnen und zu binden. […] [Hierfür] sind zentrale Strategien zur Anwerbung, Entwicklung und Bindung erforderlich. Dazu kann auch ein dienstherreneigener Studiengang ‚Soziale Arbeit im öffentlichen Dienst‘ gehören. Die Studierenden sind […] bereits während des Studiums Beamtenanwärter und Beamtenanwärterinnen.“

Das Rektorat sowie ein Teil des Lehrkollegiums der EHS befürworten die offizielle Aufnahme von Verhandlungsgesprächen mit der Stadt, um einen dualen Studiengang an der EHS zu implementieren. Wir richten uns mit dieser Petition sowohl gegen die offizielle Aufnahme von Verhandlungsgesprächen als auch gegen eine mögliche Kooperation zwischen Stadt und EHS in obiger Sache. Wir fordern die Entscheidungsträger_innen der EHS auf, alle weiteren Kooperationserwägungen und -aktivitäten mit Blick auf einen dualen Studiengang „Soziale Arbeit im öffentlichen Dienst“ oder vergleichsartige städtisch gekoppelte Kooperationsstudiengänge sofort zu beenden.

In der letzten Juniwoche 2017 findet eine Sondersitzung des Hochschulsenats statt, in der das Thema diskutiert werden soll. Diese Petition soll dem Senat dann vorgelegt werden.

Begründung

  1. Wir vermuten hinter der Neigung des Rektorats und eines Teils des EHS-Lehrkollegiums, sich u. U. auf eine Kooperation mit der Stadt einlassen zu wollen, primär wirtschaftliche Interessen und den Wunsch, das Profil der EHS durch einen werbefähigen Fachkontakt zur Stadt in der öffentlichen Wahrnehmung aufzuwerten. Wir hingegen sehen das spezifische Profil der Hochschule durch eine solche Kooperation in zweierlei Hinsicht gefährdet. Denn zum einen würde das evangelisch-diakonische Profil der EHS stark verwischt und relativiert; zum anderen würde durch eine ‚Anbindung‘ an die Stadt der Ruf der EHS als selbständig-kritisches Organ wissenschaftlichen Studierens und Forschens geschwächt. Da die EHS sich, was ihren Fortbestand betrifft, aktuell in keiner prekären Finanzierungssituation befindet, stellen wir das Argument der wissenschaftlichen Selbstbestimmung deutlich über die Argumente der Ökonomie und öffentlichen Werbung.

  2. Neben dem im Koalitionsvertrag genannten Personalabbau gibt es einen zweiten wichtigen, von der Stadt nicht berücksichtigten Grund für den Personalmangel im Bereich der Sozialen Arbeit im öD. Dieser Grund ist das freiwillige Ausscheiden von Fachkräften wegen schlechter Arbeitsbedingungen, insbesondere des Fehlens zufriedenstellender Arbeitsmöglichkeiten im direkten Kontakt mit den Klient_innen. Offenbar sieht die Stadt keine Notwendigkeit, die Berufskontexte der Sozialen Arbeit im öD zu verbessern und so für Fachkräfte attraktiver zu machen. Stattdessen setzt sie eine Kompensationsstrategie an, die Studierende durch Laufbahnanreize (Beamtenstatus und -sicherheiten) ködern und die EHS hierfür instrumentalisieren will. Dieser Strategie und ihren Implikationen verweigern wir uns entschieden.

  3. Wir sind der Überzeugung, dass die Stadt Hamburg nicht nur den praxisorientierten Teil des dualen Studiengangs selbst gestalten will, sondern beabsichtigt, auch das Studiencurriculum (weitest möglich) zu bestimmen und auf die Erfordernisse der Berufspraxis im öD hin zu reduzieren. Wir lehnen jede konkrete, mit der Einführung eines „dienstherreneigenen Studiengangs“ oder vergleichsartiger städtisch gekoppelter Kooperationsstudiengänge verbundene Einflussnahme der Stadt auf die Freiheit der Lehre und Forschung ab und sprechen uns, aus der o. g. Überzeugung, erneut für die weitest mögliche Selbstbestimmtheit der EHS in Lehre und Forschung aus.

  4. Durch die Einführung eines dualen Studiengangs wird ein lehrtechnischer Kippeffekt erzeugt, der Studierende der Sozialen Arbeit aus dem wissenschaftlich-akademischen Studium hinaus- und in einen Ausbildungs-Studiengang mit deutlich erhöhtem Praxisanteil hineingleiten lässt. Wir stufen diesen Effekt als Verlust von Professionalität ein. Denn wir denken, dass Professionalität nur gewährleistet ist, wenn sie von den Studierenden in kritisch-reflexiven Denk- und Forschungsprozessen grundgelegt, entwickelt, gefestigt und auf die Praxis anwendbar gemacht wird. Demgemäß beschneidet ein dualer Studiengang die „Professionalisierung durch Akademisierung“ angehender Fachkräfte, anstatt sie zu fördern oder zumindest aufrechtzuhalten. Die Tatsache, dass die Studierenden des dualen Studiengangs ohne jegliche Berufserfahrung ins Studium starten würden, vertieft die Problematik der (un)zureichenden Professionalisierung nochmals.

  5. Die Einführung eines dualen Studiengangs der Sozialen Arbeit, mit dem de facto dieselbe berufliche Qualifikation wie mit dem ‚herkömmlichen‘ Bachelorstudiengang erreicht werden kann, wertet den fachlichen und gesellschaftlichen Status des akademischen Bachelorabschlusses ab. Dies ist insofern besonders problematisch, als Fachkräfte und Wissenschaftler_innen der Sozialen Arbeit seit langer Zeit dafür kämpfen, dass ihre Profession als Wissenschaft anerkannt wird. Wir wollen nicht zulassen, dass die EHS in eine Ent-Akademisierung und damit einhergehende Inflation wissenschaftlichen Studierens, Forschens und Arbeitens an der EHS einlenkt.

  6. Mit den berufsintegrierenden Studiengängen verfügt die EHS bereits über ausgeprägt praxisbezogene Studienangebote; und wir halten dieselben für hinreichend. Da sowieso ein struktureller Umbau der berufsintegrierenden Studiengänge geplant ist, spräche nichts dagegen, neben Wahlpflichtschwerpunkten wie „Kindheit“, „Inklusion“ oder „Flucht und Migration“ auch einen Schwerpunkt „Soziale Arbeit im öffentlichen Dienst“ hinzuzufügen. Falls die Stadt unbedingt eine Kooperation mit der EHS und eine passgenauere Qualifizierung von Fachkräften für den öD will, könnte sie sich mit der EHS mit Blick auf die bestehenden berufsintegrierenden Studiengänge in diesbezügliche Gespräche begeben.

Wir positionieren uns gegen jede direkte Form finanzieller, studienorganisatorischer und -inhaltlicher Abhängigkeit eines EHS-Studiengangs vom städtischen Arbeitgeber. Durch meine Unterschrift bestätige ich, dass ich den Petitionsforderungen zustimme.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung, Björn Klein aus Hamburg
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Neuigkeiten

  • Liebe Unterstützende,
    der Petent oder die Petentin hat innerhalb der letzten 12 Monate nach dem Einreichen der Petition keine Neuigkeiten erstellt und den Status nicht geändert. openPetition geht davon aus, dass der Petitionsempfänger nicht reagiert hat.

    Wir bedanken uns herzlich für Ihr Engagement und die Unterstützung,
    Ihr openPetition-Team

  • Hallo liebe Unterstützer_innen der Petition,

    die Senatssitzung hat folgenden Beschluss gebracht: der Hochschule wird bis auf Weiteres kein Auftrag durch den Senat erteilt, Kooperationsgespräche mit der Stadt Hamburg bzgl. eines dualen Studiengangs "Soziale Arbeit im öffentlichen Dienst" zu führen. Der Senat hat beschlossen, dass eingehende hochschulinterne Gespräche zu führen sind, die eine eindeutige und gründliche Diskussion und Abwägung der Argumente ermöglichen und dadurch eine Klärung des Standpunktes der Hochschule in hiesiger Frage schaffen. Die Hochschule kann vorübergehend nur Kooperationsgespräche mit der Stadt führen, die sich auf die bereits bestehenden berufsintegrierenden Studiengänge beziehen.

    Herzliche Grüße,
    Björn Klein

  • Liebe Unterzeichner_innen,

    ich danke Euch allen für die Unterstützung. Die Petition hat auf dem Ausdruck 451 Unterschriften (im Internet werden 452 oder noch ein paar mehr angezeigt). Als wir die Petition starteten, gingen wir davon aus, dass wir, wenn es sehr gut läuft, ca. 200 Unterschriften zusammenbekommen würden. Deshalb war die Schaltung der Petition aus unserer Sicht erfolgreich.

    Am kommenden Mittoch wird von mir bei der Senatssitzung ein Antrag gestellt, die Diskussion der Petition mit auf die Tagesordnung zu setzen. Auch wird von mir ein Beschlussantrag gestellt, der darauf zielt, zukünftige Kooperationsgespräche zwischen Hochschule und Stadt bzgl. eines dualen Studiengangs Soziale Arbeit zu unterbinden.

    Ich werde die wesentlichen Informationen zum Verlauf der Senatssitzung hier nachreichen.

    Herzliche Grüße,
    Björn Klein

Pro

Fünf Lehrende der EHH unterstützen die Petition als Ausdruck lebendiger Diskussionskultur & Wertschätzung der Hochschule. Die meisten Argumente & Einschätzungen teilen wir, auch wenn der falsche Eindruck entstehen mag, die Verhandlungen stünden kurz vor dem Abschluss. Unser Positionspapier für den Hochschulsenat lehnt Verhandlungen über duale Studienmodelle ab. Es enthält alternative Ideen zu Gesprächen mit der Stadt und kann bei uns angefordert werden. Alsago, Lembeck, Lindenberg, Lutz, Richter

Contra

Noch kein CONTRA Argument.