Der Berliner kommunale Krankenhauskonzern Vivantes (Eigentümer ist das Land Berlin) beabsichtigt, aus betriebswirtschaftlichen Gründen gravierende Maßnahmen zu ergreifen, durch die die Psychiatrischen Kliniken von Vivantes empfindlich getroffen würden: nämlich die Ausgliederung der therapeutischen Berufsgruppen (Ergo-, Musik-, Kunst-, Tanz-, Physiotherapie und Logopädie) in eine Tochtergesellschaft. Der Vergleich mit einer Leiharbeitsfirma drängt sich auf. Die für die Psychiatrie negative Tragweite dieser geplanten Maßnahme wird unserer Meinung nach völlig unterschätzt. Deswegen dieser eindringliche Appell: Keine Ausgliederung der psychiatrischen Therapeuten bei Vivantes! Wir sind gegen jegliche Ausgliederung, auch in der Somatik. Da die Psychiatrie aber von spezifischen Arbeitszusammenhängen geprägt ist, haben wir uns zu dieser psychiatriebezogenen Petition entschlossen.

Und das sind die Hintergründe: In Deutschland werden innerhalb eines Jahres etwa 1 Million Menschen mit psychischen Erkrankungen in Krankenhäusern behandelt. Der Anteil der psychischen Erkrankungen an allen Krankschreibungen hat sich seit dem Jahr 2000 etwa verdoppelt. Das Thema betrifft direkt und indirekt alle: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren, Alleinstehende, Partnerschaften und Familien. In Berlin werden etwa 50 Prozent der Krankenhauspatienten, die wegen psychischer Erkrankungen Hilfe suchen, in Vivantes-Psychiatrien behandelt (stationär, teilstationär und ambulant).

In der Regel kann man sich eine stationäre Behandlung so vorstellen, dass ein Patient von einem Team behandelt wird: dazu gehören Ärzte, Pflegepersonal, Sozialarbeiterinnen sowie die Fachtherapeutinnen aus den Bereichen Ergo-, Musik-, Kunst-, Tanz-, Physiotherapie und Logopädie.

Nun funktioniert psychiatrische Behandlung nicht so, dass man die verschiedenen Komponenten der einzelnen Berufsgruppen unverbunden einfach addiert, sondern nur ein gut aufeinander abgestimmtes, vernetztes Vorgehen macht einen Behandlungserfolg überhaupt erst möglich. Des Weiteren bedarf es einer verlässlichen, konstanten therapeutischen Beziehung zwischen Patient und Mitarbeiter. Nur wenn der Patient die Möglichkeit hat, täglich auf dieselben Mitarbeiter zu treffen und nicht mit ständig wechselndem Personal zu tun hat, kann er Vertrauen fassen und die Behandlung kann gelingen. Nicht selten nimmt für manche Patienten ihre psychische Erkrankung einen so schweren Verlauf, dass ein komplexer Behandlungsbedarf entsteht. Für diese Patienten wechseln sich Phasen stationärer und ambulanter Versorgung ab. Dafür brauchen sie Behandlungs- und Beziehungskontinuität, auch über den mehrfachen Wechsel zwischen stationärem und ambulantem Status hinweg (sektorenübergreifend). Das geht aber nur mit festen Mitarbeiterinnen, die zum Mutterkonzern gehören und nicht mit ausgelagerten Fachtherapeutinnen einer Tochtergesellschaft.

Begründung

In einer zeitgemäßen Psychiatrie arbeiten Fachtherapeutinnen, die über ihren Tellerrand gucken können. Neben ihrer fachspezifischen Expertise verfügen sie zusätzlich über allgemeinpsychiatrische Kompetenzen und über die Bereitschaft, diese auch einzubringen, wann immer es erforderlich ist: Deeskalieren in aggressiv-angespannten Situationen, Klären, Vermitteln, Zuhören, Antworten geben, Gespräche führen. Das ist moderne Psychiatrie, bei der alle Berufsgruppen Hand in Hand zusammenarbeiten - anders sind psychiatrische Patienten mit schweren Krankheitsverläufen auch gar nicht zu behandeln. Funktionieren kann das Ganze aber nur mit festen Mitarbeiterinnen und nicht mit ausgelagerten Fachtherapeutinnen. Ausgegliederte Therapeutinnen einer Tochtergesellschaft werden schlechter bezahlt und ausgegrenzt. Das führt zu sinkender Motivation, sinkender Identifikation mit Klinik und Behandlungskonzept und insgesamt zu einer Verschlechterung der Behandlungsqualität für unsere psychiatrischen Patienten. Das kann nicht gewollt sein!

Ausgliederung untergräbt den Teamzusammenhalt, der die Basis jeder guten psychiatrischen Behandlung ist. Ausgliederung zerstört psychiatrische Behandlungsstrukturen, die in jahrelanger Arbeit mühsam aufgebaut wurden und tagtäglich gehegt und gepflegt werden. Ausgliederung steht im Widerspruch zum Wesen moderner psychiatrischer Behandlung. Unter anderen haben die folgenden Psychiatrische Kliniken ihre therapeutischen Mitarbeiter_innen nicht ausgegliedert: Psychiatrische Universitätsklinik der Charité, Mitte
Psychiatrische Universitätsklinik im St. Hedwigs Krankenhaus Psychiatrische Klinik Alexianer Berlin Krankenhaus Hedwigshöhe. Im Falle der Nicht-Ausgliederung befände sich Vivantes also in guter Gesellschaft.

Deswegen appellieren wir eindringlich an Sie, Herr Senator Mario Czaja, Senator für Gesundheit und Soziales, Herr Peter Zühlsdorff, Aufsichtsratsvorsitzender von Vivantes, Herr Senator Dr. Ulrich Nußbaum, Senator für Finanzen, die weiteren Damen und Herren des Aufsichtsrates von Vivantes:

Stoppen Sie Ihre Pläne zur Ausgliederung der therapeutischen Berufsgruppen in den Psychiatrien von Vivantes! Setzen sie sich ein für den Erhalt der Behandlungsqualität in den Psychiatrischen Kliniken von Vivantes!

Im Namen aller UnterzeichnerInnen

Berlin, 11.9.2014

Vielen Dank für Ihre Unterstützung, Therapeuteninitiative gegen Ausgliederung aus BERLIN
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Neuigkeiten

  • Liebe Unterstützende,
    der Petent oder die Petentin hat innerhalb der letzten 12 Monate nach dem Einreichen der Petition keine Neuigkeiten erstellt und den Status nicht geändert. openPetition geht davon aus, dass der Dialog mit dem Petitionsempfänger beendet ist.

    Wir bedanken uns herzlich für Ihr Engagement und die Unterstützung,
    Ihr openPetition-Team

  • Liebe Unterstützer,

    der Rundfunk Berlin-Brandenburg hat heute auf seinen Internetseiten rbb-online einen Artikel zu unserer Thematik "Ausgliederung bei Vivantes" veröffentlicht.
    Es geht um den bislang nicht umgesetzten Beschluss der Berliner SPD, die Vivantes-Tochter Therapeutische Dienste aufzulösen und auch alle anderen Beschäftigten in Vivantes-Tochtergesellschaften nach TVöD zu bezahlen.

    www.rbb-online.de/politik/thema/2015/oeffentlicher-dienst-berlin/beitraege/parteitagsbeschluss-spd-berlin-2015-gegen-lohndumping.html

    Für uns bedeutet dies wieder eine gute Gelegenheit, das Thema bei den Verantwortlichen in Erinnerung zu bringen und zu zeigen, das die Öffentlichkeit mitverfolgt, was in dieser Sache geschieht, oder eben nicht geschieht.

    Was Sie tun können:

    - Wenden Sie sich an den Berliner SPD-Abgeordneten Ihres Wahlkreises und bringen Sie Ihr
    Unverständnis bezüglich des nicht umgesetzten Beschlusses zum Ausdruck.

    - Schreiben Sie an die SPD-Senatoren der Berliner Landesregierung
    (Michael Müller, Regierender Bürgermeister,
    Dilek Kolat, Bürgermeisterin und Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen,
    Sandra Scheeres, Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft,
    Dr. Matthias Kollatz-Ahnen, Senator für Finanzen und
    Andreas Geisel, Senator für Stadtentwicklung und Umwelt)
    und fragen Sie, wann der Beschluss des SPD-Landesparteitages umgesetzt wird.

    Der Berliner Senat hat die Macht, die Ausgliederungen rückgängig zu machen und die PolitikerInnen sollen wissen, dass wir diesen Schritt von ihnen erwarten.

    Vielen Dank für Ihren Einsatz,

    Therapeuteninitiative gegen Ausgliederung bei Vivantes

  • Sehr geehrte Unterstützer_innen unserer Petition,

    bei ihrem Landesparteitag vom 13.6.2015 hat die Berliner SPD über die bei Vivantes gegründete Tochterfirma „Therapeutische Dienste“ debattiert und den folgenden Antrag per Abstimmung angenommen:

    "Antrag 21/I/2015

    Auflösung der Vivantes-Tochter „Therapeutische Dienste“

    Die SPD-Mitglieder des Senats und die SPD Fraktion im
    Abgeordnetenhaus ergreifen die Initiative und setzen
    sich gegenüber dem Aufsichtsrat und der Geschäftsführung
    dafür ein, dass die bei Vivantes gegründete Tochter
    „therapeutische Dienste GmbH“ wieder aufgelöst wird
    und die schon eingestellten Therapeutinnen einen
    normalen Arbeitsvertrag entsprechend dem Tarifvertrag
    des Mutterkonzerns Vivantes, den Tarifvertrages
    Öffentlichen Dienstes erhalten.
    Des Weiteren setzen sich die SPD-Mitglieder im Senat
    und die SPD Abgeordnetenhausfraktion dafür ein, dass
    sofort Tarifverhandlungen für die Übernahme des TVöD
    für alle Töchter aufgenommen werden.
    Sie setzen sich dafür ein, dass Vivantes die notwendigen
    Investitionsmittel erhält, um die Finanzierung zu
    gewährleisten."

    Ob und wann die Vivantes-Geschäftsführung im Sinne dieses Beschlusses handeln wird, ist derzeit noch völlig offen. Sicherlich wird es auch davon abhängen, inwieweit der Inhaber der Vivantes GmbH, also das Land Berlin, vertreten durch den Senat, die Rückabwicklung der Tochtergesellschaft "Vivantes therapeutische Dienste" anmahnt und einfordert.

    Daher ist es jetzt von besonderer Bedeutung, dass die Verantwortlichen in Senat, Geschäftsführung und Aufsichtsrat noch einmal daran erinnert werden, dass es eine interessierte Öffentlichkeit gibt.

    Sie können uns jetzt noch einmal unterstützen:

    Bitte schreiben Sie an an Herrn Michael Müller, den Regierenden Bürgermeister von Berlin, an Dr. Matthias Kollatz-Ahnen, den Senator für Finanzen, an Mario Czaja, den Senator für Gesundheit und Soziales, sowie an die Geschäftsführung und den Aufsichtsrat der Vivantes GmbH. Machen Sie deutlich, dass Sie die Umsetzung der genannten Punkte erwarten und erklären Sie, warum Sie die Ausgliederung von qualifiziertem Personal in Tochtergesellschaften ablehnen. Anregungen und Formulierungen finden Sie im Text der Petition und auch in den zahlreichen Kommentaren.

    Vielen Dank für Ihre Unterstützung

    Therapeuteninitiative gegen Ausgliederung bei Vivantes

Pro

Die Ausgliederung nichttherapeutischer Leistungen in den Vivanteskliniken ist Teil einer seit 1990 beschleunigten Umverteilung von Besitz zu den Vermögenden durch konservative Politiker, vor deren Karren sich sogar linke Parteien spannen lassen. Wie hier im Kleinen ist diese Politik eine teure Hypothek, die von zukünftigen Generationen eingelöst werden muss. Der Widerstand der Betroffenen gegen Ausgliederungen ist berechtigt und sollte als Teil des Widerstands gegen eine Entwicklung verstanden werden, die die gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland zunehmend in Frage stellen.

Contra

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